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Sarah




BeitragThema: Erster Tag   So Jun 28, 2009 1:37 pm

Nicht wie sonst weckte mich das laute Schrillen meines Weckers. Etwas feuchtes fuhr mir über das Gesicht und eine Menge Gewicht machte sich mit einem Mal auf meinem Körper breit. Gähnend schlug ich die Augen auf und mühte mich vor Casanovas feuchten Liebkosungen zu fliehen. Während ich aufrecht im Bett saß und Casanova mit sanfter Gewalt hinunterschubste, blickte ich zum Wecker. Die digitalen Zahlen 4:59 blinkten rot zu mir hinüber, ein schwacher Trost. Ich hätte ohnehin nur noch eine Minute gehabt. Schlaftrunken stand ich auf und lief ins Bad, wo ich versuchte, mich mithilfe kalten Wasser zu beleben. Nur mühsam konnte ich ein Quieken unterdrücken und entschloss mich, das Wasser doch lieber ein wenig wärmer zu stellen. Nachdem ich fertig abgetrocknet war, zog ich mir meine blaue Jodhpurtreithose und ein weißes T-Shirt an. Die Aufregung kehrte zurück und machte sich wie ein Schwarm Hummeln in meinem Bauch breit. Mein anfänglicher Hunger war verflogen. Ich war die Jüngste auf dem Hof, zur Probe hier, und konnte mich glücklich schätzen, überhaupt angenommen worden zu sein. "Bloß keine Fehler machen...",murmelte ich vor mich hin, während ich mit Hilfe tiefen Atmens versuchte, meine Nervosität zu unterdrücken. Ich pfiff leise und Casanova kam schwanzwedelnd in die kleine Küche gelaufen. "Jaja, ist ja schon gut.",sagte ich leise und füllte seinen einen Napf mit Futter und den Anderen mit Wasser. Amüsiert beobachtete ich Casanova einen Moment dabei, wie er sich gierig auf das Futter stürzte, dann drehte ich mit um und schaltete den Wasserkocher ein. Auf den Zehenspitzen stehend angelte ich eine Dose mit Kaffeepulver aus dem Regal, denn ich war nicht gerade groß gewachsen. Schnell stürzte ich eine Tasse Kaffee hinunter und verfluchte mich zwischendurch, weil ich mal wieder den Zucker vergessen hatte. Schließlich fuhr ich mir noch einmal mit der Hand durch die kurzen blonden Haare, holte meine Reitkappe und lief dann, mit Casanova auf den Fersen, aus der Wohnung zum Stall. „Tut mir Leid, Dicker, du musst kurz draußen warten“,sagte ich leise zu ihm, nachdem ich Queens Halfter und Putzkasten geholt hatte. Es war zwar so, dass die meisten Pferde an Hunde gewöhnt waren, aber Casanova war noch nicht an die Pferde gewöhnt. Mit Queen verstand er sich schon ganz gut, aber die anderen schienen ihm nicht so ganz geheuer. Leise betrat ich die Stallgasse. Queens Box, dass wusste ich, lag auf der linken Seite. „Hallo, meine Süße.“ Sanft strich ich ihr mit der Hand über den Nasenrücken. Sie schnaubte mich freundlich an und ich schob die Boxentür einen Spalt breit zur Seite, sodass ich hineinschlüpfen konnte. Queen ließ sich leicht aufhalftern und ich führte sie hinaus zum Putzplatz. Queen, mein eigenes Pferd. Ich hatte sie nur kaufen können, weil meine Eltern mir ein großzügiges Taschengeld mitgegeben hatten. Nachdem ich die Apfelschimmelstute angebunden hatte, nahm ich den Striegel aus dem Kasten und begann in Kreisförmigen Bewegungen zu putzen. Es schien Queen zu gefallen, was meine Nervosität nun ganz verschwinden ließ. Da sie im Stall gestanden hatte, war sie kaum dreckig und nach fünfzehn Minuten glänzte sie geradezu in der Sonne. Bei den Hufen war es anders. Heu und Dreck klebten in allen ihrer Hufe. Es dauerte eine Weile, bis ich bei allen den Dreck beseitigt hatte, besonders, weil sie den rechten Vorderhuf immer wieder wegzog. Mit Casanova auf den Fersen ging ich Queens Sattel und Zaumzeug holen. Sie ließ sich gut aufsatteln und -trensen, so waren wir nach einer halben Stunde komplett fertig. Ich musste grinsen. Auf den alten Schulpferden, die ich früher immer geritten war, hatte das Putzen nie Spaß gemacht. Entweder hatten sie versucht nach mir zu schnappen oder sie nahmen den Kopf beim Trensen so hoch, dass ich mit meiner kleinen Gestalt keine Chance hatte. Einen Moment stand ich überlegend da. Sollte ich Springen oder Dressur reiten? Eigentlich hatte ich vorgehabt, die Cross-Strecke zu testen, aber das Gras war noch morgendlich feucht und ich verwarf den Gedanken sofort wieder. Schließlich entschied ich mich für den Springplatz. Auf dem Weg dorthin brachte ich Casanova noch schnell in die Wohnung, denn er war noch nicht gut ausgebildet und besonders das Sitzenbleiben war gar nicht seine Stärke.
Endlich standen wir vor dem Springplatz. Ich hatte ihn erst einmal gesehen, als ich mich beworben hatte. Er war großartig, wie alle anderen Plätze hier auch. Vorsichtig öffnete ich das Tor, ging mit Queen hindurch und blieb auf der Mittellinie stehen. Das Nachgurten verlief relativ gut, aber ich braichte mehrere Versuche beim Aufsteigen. Nach dem dritten Versuch saß ich glücklicherweise oben. Ich schnallte meine Reitkappe fest und ließ Queen im Schritt losgehen. Ihre Ohren spielten aufmerksam, während ich sie auf den Hufschlag lenkte. Es standen schon einige Hindernise auf dem Springplatz, eine schöne Höhe. Ich war bisher nur tiefere Sprünge mit Queen gegangen, doch ich wusste, dass sie viel höher konnte. Die Hindernise, die hier aufgebaut waren, schienen angemessen für sie zu sein. Als wir mit warmreiten fertig waren, trabten wir noch einige Runden, ich ritt ein paar Zirkel und andere Figuren. Dann galoppierten wir an. Queen hatte einen schönen Galopp, der sich gut sitzen ließ. Sie war eindeutig freudig aufgeregt und das ging auf mich über. Das Hindernis kam näher und sie sprang. Viel früher und weiter, als ich gedacht hatte. Das Schulpferd, das ich lange Zeit geritten war, war immer erst kurz vor dem Hindernis abgesprungen und so traf mich die Überraschung. Queen landete und auch ich landete, doch ich flog vorher noch ein wenig weiter. Seufzend saß ich im Sand und beobachtete Queen, die durchparierte und zu mir kam. Sie schien mich besorgt anzusehen und so musste ich doch lachen, während ich aufstand und mir den Hintern rieb. Nachdem ich wieder aufgestiegen war, versuchte ich es erneut und diesmal klappte es. Nun wusste ich, was die Leute meinten, wenn sie sagten, dass nur Fliegen schöner sei. Queen kam sanft auf und wir steuerten das nächste Hindernis an. Auch die folgenden nahm sie gut, nur bei einem stieß sie durch eine kleine Unaufmerksamkeit meinerseits mit dem Huf gegen eine Stange. Später sah ich aber, dass sie liegen geblieben war. Wir ritten die Sprünge noch mehrere Male in verschiedenen Reihenfolgen und mit jedem Sprung wurde meine Laune besser. Dann mussten wir aufhören, denn ich wollte es nicht übertreiben. Ich ritt Queen noch eine Weile trocken, dann stieg ich ab und führte sie zum Waschplatz. Nachdem ich sie angebunden hatte, sattelte ich sie ab und wusch sie dann. Erst schien sie von diesem kühlen Nass nicht besonders begeistert, doch am Ende stellte sie sich immer näher heran. Ich stellte das Wasser ab, holte das Schweißmesser und zog das überschüssige Wasser ab, danach waren die Hufe dran. Es klebte jede Menge Sand darin, aber nichts bedrohliches. „Na, Süße, wir gehen jetzt mal zur Weide.“
Ich sah Queen noch eine Weile zu, wie sie mit wehender Mähne davon galoppierte und die anderen Pferde wiehernd begrüßte, dann machte ich mich auf den Weg zurück. Kaum hatte ich die Tür zu meiner Wohnung geöffnet, riss Casanova mich fast von den Beinen. „Nein.“,sagte ich in einem Versuch streng zu klingen. Er zog den Schwanz für einen Moment ein, senkte den Kopf und winselte kläglich, um im nächsten Augenblick wieder fröhlich um mich herum zu springen. „In Ordnung, ich mache einen Spaziergang mit dir.“ Ich holte seine Leine, machte sie am Halsband fest und ging dann los.
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Meddi
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BeitragThema: Re: Erster Tag   So Jun 28, 2009 1:59 pm

Sehr schöner Bericht, ich muss sagen, ich bin begeistert (:


Mehr erfährst du im Berichtebewertungs-Thread (;

Liebe Grüße,
Meddi

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